ARBEITEN IM ALTER: VON WEGEN «ALTES EISEN»

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Arbeiten im Alter: Von wegen «Altes Eisen»

Sie sind Könner. Sie beherrschen ihr Handwerk, gehen frisch an die Arbeit und suchen noch immer die Herausforderung. Gleichzeitig sind sie neugierig, lebensklug und deshalb unersetzlich. Unternehmen besinnen sich immer mehr auf die Vorzüge älterer Mitarbeiter und lernen deren Erfahrungen endlich auch zu schätzen.

Wenn Annelie Krimmling von ihrem Einstellungsprozess bei der TAS AG erzählt, leuchten ihre Augen – sie beschreibt eine Erfolgsgeschichte. Denn als sie im Januar 2014 an einer 50plus-Veranstaltung des Leipziger Jobcenters teilnahm, konnte selbst Annelie nicht ahnen, dass ihr bereits wenige Wochen später eine feste Arbeitsanstellung als Kundenberaterin angeboten werden würde. Heute ist sie angekommen – im Unternehmen, bei ihren Kollegen, in der viel beschworenen TAS Familie. Sie beflügelt mit ihrer Erfahrung und Gelassenheit das gesamte Team. Sie ist beinahe unentbehrlich – mit 59 Jahren.

Der demografische Wandel in der Bundesrepublik – und allen voran in Mitteldeutschland – ist ein Fakt: Nicht nur am Standort der TAS AG in Leipzig rollt eine stetig größer werdende Welle älterer Konsumenten, Wähler und Arbeitnehmer auf unsere Gesellschaft zu. Parallel dazu ist ein spürbarer Geburtenrückgang zu verzeichnen, eine zunehmender Kampf um Lehrlinge und eine verlängerte Lebensarbeitszeit. Die Karten liegen für uns alle ausgebreitet auf dem Tisch: Deutschland wird älter, wir werden weniger. Qualifizierte und motivierte Arbeitskraft wird knapp. Ältere Arbeitnehmer wie Annelie Krimmling, die sich ihr Wissen und ihre Kompetenzen im Umgang mit anderen Menschen über viele Jahre hinweg angeeignet haben, sind daher vor allem für uns Kommunikationsdienstleister ein unschätzbares Gut – auf dieses sollten wir sorgsam aufpassen!

«Umparken im Kopf» gilt es somit auch in der Personalpolitik. Denn nicht das kalendarische Alter ist unser hauptsächliches Problem – das Bild vom Alter ist es, geprägt von zahlreichen Vorurteilen, Klischees, aber auch von unternehmerischen Versäumnissen auf dem Weg dorthin: Der Mangel an individuellen Jobperspektiven, Monotonie am Arbeitsplatz und geringe Vertrauenswerte gegenüber Vorgesetzten und Kollegen. Was vielen Betrieben deshalb nottut, ist gezielte Entwicklungsarbeit für ein faires Miteinander aller Altersklassen, bewusst, systematisch, und auf den einzelnen Arbeitnehmer bezogen. Hierbei ist Deutschland noch ein Bummelant, der von Schweden, Norwegen oder den USA lernen kann. Und muss.

In Unternehmenskultur und Weiterbildung investieren

Entscheidende Voraussetzung für die Zufriedenheit von Mitarbeitern über 55 Jahren ist in erster Linie die eigene Unternehmenskultur, so eine Studie der BKK Deutschland. Ältere Arbeitnehmer schätzen darüber hinaus die Angebote zur betrieblichen Weiterbildung und die Fähigkeit zur individuellen Arbeitsplanung. Dahinter rangieren gleichauf eine sichere Arbeitsperspektive und familienfreundliche Bedingungen.

Dass sich die gezielte Berücksichtigung älterer Mitarbeiter bei der Optimierung dieser Rahmenbedingungen mehr als lohnt, zeigt eine Untersuchung des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Die erfahrenen Kollegen, so das Fazit der Forscher, geraten zwar gegenüber den Jüngeren ins Hintertreffen, wenn es darum geht, sich in kürzester Zeit schnell neues Wissen anzueignen. Doch in Sachen Kommunikation, Empathie und Kundenverständnis – vor allem in unserer Servicebranche von größter Bedeutung – macht ihnen keiner etwas vor. Diese Fertigkeiten und sozialen Kompetenzen steigen bei aktiven Menschen im Alter sogar noch weiter an, so die Experten.

Arbeitnehmer über 55 Jahren zeigen darüber hinaus eine höhere Arbeitsmoral und oftmals mehr Bewusstsein für Qualität. Sie können häufig besser logisch argumentieren, sind eher bereit, Aufgaben mit anderen Kollegen zu teilen, und durch ihre Lebenserfahrung meist besonnener als ihre jüngeren Kollegen. Sie mögen zwar mit Arbeitsantritt die neueste Software nicht kennen – aber sie wissen, wie man Lösungen sucht, diese schnell zu beherrschen und teure Anfängerfehler zu vermeiden. Ältere reagieren darüber hinaus gelassener und souveräner in beruflichen Krisensituationen, weil sie wissen, dass es nach jedem Tal meist auch wieder aufwärts geht. Noch entscheidender: Sie haben das Tal selbst durchquert. Mehrfach.

Die Zeichen der Zeit erkennen

Arbeiten im Alter - Kippe Interview

Als Familienunternehmen mit über 21 Jahren Erfahrung in der Service- und Callcenter-Branche sehen auch wir das Potential von Mitarbeitern über 55 Jahren zum Wohle unseres Betriebes. Deshalb haben wir sehr früh erkannt, dass es durchaus sinnvoll sein kann, bei der TAS AG nicht nur jungen Mitarbeitern eine Chance zu geben, sondern gezielt auch ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen.

Einer dieser Mitarbeiter ist Achim. Der Leipziger Straßenzeitung KiPPE gab der TASianer ein Interview, in welchem der 66-jährige allen älteren Mitmenschen Mut gemacht hat, sich auch noch im Alter um einen sicheren Arbeitsplatz zu bewerben. “Mein Hauptmotiv war, nicht zu Hause zu sitzen und alt zu werden, sondern den Umgang mit anderen Menschen zu haben.”, erzählt der Leipziger und fügt hinzu: “Ich freue mich, wenn bei aller Ernsthaftigkeit des Geschäftes, der Anrufer am Ende der Leitung mit lacht und wir uns gut verstehen. Für mich ist der Job hier genau der Richtige!”

Das ausführliche Interview lesen Sie hier

Alte Denkmuster aufbrechen!

Weil unser traditionelles und mediales Bild des Alterns das eines Verlusts ist, haben wir uns in unserer Arbeitswelt über Jahre hinweg das paradoxe Denkmuster angeeignet, Menschen bis ins mittlere Lebensalter als physische und mentale Leistungsträger anzusehen, gleichzeitig jedoch bei allen Älteren den kognitiven Niedergang zu beschwören. Dies ist ebenso falsch wie dümmlich. Stattdessen sollten wir unser kalendarisches und biologisches Alter als Entwicklungsstufe begreifen – mit allen Vor- und Nachteilen, die sich daraus ergeben. Natürlich fällt es einigen Menschen über 55 Jahren schwerer, sich neues Wissen genauso schnell anzueignen wie die Jüngeren. Doch haben sie sich dieses Wissen erst einmal angeeignet, können sie es durch ihren großen Erfahrungsvorsprung häufig besser anwenden und vorgegebene Arbeitsabläufe somit oftmals qualitativ besser erledigen.

Egal in welchem menschlichen Lebensalter wir uns gerade befinden – wir alle sind ausgestattet mit den unterschiedlichsten Eigenschaften. Ob wir diese nun als Stärken oder Schwächen nutzen, hängt nicht von unserem Lebensalter ab, sondern vorrangig von der Arbeitssituation und dem Arbeitsumfeld. In keinem Lebensalter sind wir perfekt und der Primat des Wissens und Handelns; und unsere Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzten auch nicht. Deshalb können wir es uns einfach nicht erlauben, in Bewerbungsgesprächen nur erwartungsvoll auf die Jungen zu schauen, und Menschen höheren Alters die Chance auf einen beruflichen Neuanfang zu verwehren. Oder anders gesagt: Wer neugierig ist, zählt noch lange nicht zum «Alten Eisen».

© contrastwerkstatt

Dieser Artikel wurde verfasst von René Rübner. Vernetzen Sie sich mit René auf Facebook, Xing, Twitter und Google+ - oder schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail.